Typ: Vorträge Wild

23.10.2015, 14:15-15:00 Uhr

Kurfürstliches Palais

Symposium „Wild“
Rokokosaal, Kurfürstliches Palais
M.A. Astrid Schönhagen
Universität Bremen
23.10.2015, 14:15-15:00 Uhr

Vortrag Wilde Dinge: Les Sauvages de la Mer Pacifique

M.A. Astrid Schönhagen: Les Sauvages de la Mer Pacifique

Titel: Les Sauvages de la Mer Pacifique. Dufours tapezierte Südsee-Fantasien und die Domestizierung des ,(edlen) Wilden‘ in der Interieur-Mode um 1800

Dies ist ein Vortrag im Rahmen des Symposiums zum Thema „Wild“, das im Kurfürstlichen Plalais stattfinden wird.

1804 bringt die französische Manufaktur Dufour mit Les Sauvages de la Mer Pacifique eine Bildtapete auf den Markt, die mit dem romantisierenden Topos des ,(edlen) Wilden‘ der Südsee beworben wird und auf diesen sogar im Titel Bezug nimmt. Angeregt von den Reisen James Cooks und de Bougainvilles wird auf insgesamt 20 Bahnen, vor der Kulisse einer vermeintlich unberührten Natur, ein Panorama der Inselwelten Ozeaniens und seiner BewohnerInnen entworfen, das in seiner visuellen Formensprache auf die kulturelle und ethnische Vielfalt der Region verweist.

Im Vortrag sollen diese tapezierten Bildwelten anhand eines in situ erhaltenen Raumgefüges untersucht werden. Ausgehend von detaillierten ikonografischen Analysen sowie Vergleichen mit anderen Medialisierungen und Miniaturisierungen der Südsee (etwa im Theater, auf textilen Wandbehängen oder in Form von Spielzeug) wird der Spezifik der Dufourschen Bildfindungen nachzuspüren sein. Dabei stehen Fragen nach der kulturellen und ethnischen Repräsentation der dargestellten Südsee-InsulanerInnen ebenso im Mittelpunkt wie die auf der Tapete evozierten Rollen- und Geschlechterbilder, die insbesondere am Beispiel des Topos des ,(edlen) Wilden‘ im antikisierenden Gewand sowie der schönen Tahitianerin darzulegen sind. Ein besonderes Augenmerk liegt in diesem Kontext auf dem ,Hautfarben-Exotismus‘ auf den Sauvages de la Mer Pacifique, über den eurozentristische, stereotype Vorstellungen unterschiedlicher Grade von ,Wildheit‘ der InselbewohnerInnen imaginiert und damit ethnische und soziale Hierarchien bildräumlich konstruiert werden.

In einem zweiten Schritt sollen diese Überlegungen an Diskurse um das Wohnen in und mit Exotik rückgekoppelt werden. Zu fragen wäre etwa, welchen Anteil der Dufoursche ,Warenexotismus‘ (commodity exoticism) an der Selbst-Verortung und – in der räumlichen Gegenüberstellung von ,Eigenem‘ und ,Fremdem‘ – an der Konstruktion kultureller Identität auf Seiten der (europäischen) BewohnerInnen um 1800 gehabt haben könnte. Zu untersuchen wäre aber auch, inwiefern die auf der Tapete visualisierten Rollenbilder als Folie zur Festschreibung europäischer Geschlechterrollen in den eigenen vier Wänden, genauer der Domestizierung der Frau, die als das ,Wilde‘ der eigenen Gesellschaft galt, beigetragen haben könnten. Aus gendertheoretischer und postkolonialer Perspektive wird also zu diskutieren sein, inwiefern um 1800 in einem mit den Sauvages de la Mer Pacifique ausgestatteten Interieur kulturelle und/oder geschlechtliche Alterität(en) in der Verschränkung von (imaginiertem) Natur- bzw. Landschaftsraum und (realem) Wohnraum verhandelt und naturalisiert wurden.

Kurzbiografie

Astrid Silvia Schönhagen, M.A. studierte Kunstgeschichte, Medienwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre in Trier und Stockholm. Sie ist Mitglied des Forschungsfeldes „wohnen+/-ausstellen“ an der Universität Bremen und promoviert zu exotistischen Reisetopoi in Bildtapetenräumen um 1800. Parallel dazu ist sie seit 2010 in der Daimler Art Collection, Berlin/Stuttgart, tätig. 2006-2009 war sie Stipendiatin im internationalen Graduiertenkolleg „InterArt“ an der Freien Universität Berlin sowie am European Doctoral Seminar in Culture, Criticism, and Creativity (Universität Kopenhagen); im SoSem 2010 unterrichtete sie zudem als Lehrbeauftragte an der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Interieur- und Wohndiskurse um 1800, insbesondere Exotismen in der europäischen Wohngeschichte, Kunst und visuelle Alltagskultur des 18. und 19. Jahrhunderts, Postcolonial und Gender Studies, Raum- und Subjekttheorien sowie medienarchäologische Fragestellungen. Sie ist Mitherausgeberin der Bände Interieur und Bildtapete. Narrative des Wohnens um 1800 (transcript 2014) sowie medeamorphosen. Mythos und ästhetische Transformation (Fink 2010).

Das gesamte Programm des Symposiums finden Sie hier.