Typ: Vorträge Wild

24.10.2015 10:00 -10:45 Uhr

Kurfürstliches Palais

Symposium „Wild“
Rokokosaal, Kurfürstliches Palais
Prof. Dr. Annette Geiger
Hochschule für Künste Bremen
24.10.2015 10:00 -10:45 Uhr

AnnetteGeiger

Prof. Dr. Annette Geiger: Schönhässlich. Über das Wilde in der Mode

Dies ist ein Vortrag im Rahmen des Symposiums zum Thema „Wild“, das im Kurfürstlichen Plalais stattfinden wird.

Kultur beginnt meist mit dem Sammeln: Wir schauen, betrachten und sortieren. Die alte Logik des Museums, etwa von Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten, kannte dabei noch keine wissenschaftliche Systematik. Man sammelte um zu staunen. Für diesen Blick gab es folglich noch nichts Fremdes, Exotisches oder Wildes, denn alles war noch im göttlichen Makrokosmos vereint, den man im Mikrokosmos der Sammlung zu spiegeln suchte. Je „wilder“ die Sammlung, desto kultivierter.

Die Aufklärung beendet bekanntlich dieses Staunen über die Vielfalt des Möglichen. Im modernen Museum schaut man um sich wissend zu bilden. Menschen und Dinge wurden nun nach ihrer Zivilisationsstufe eingeteilt und bewertet. Das Wilde grenzte man als das Andere aus – hier als primitiv und barbarisch verachtet, dort als ursprünglich und natürlich gelobt. Beide Blickweisen, die erniedrigende wie auch die romantisierende, erweisen sich letztlich als kolonialistisch, denn das Fremde wird mit den Maßstäben des Eigenen bewertet.

Aus der westlichen Kultur galt es das Wilde letztlich zu verdrängen – und doch kam es immer wieder zurück: In den Phantasmen der Populärkultur, von King Kong bis La belle et la bête, von der Exotik des Art Déco bis zum Safari Look, besteht es fort in Träumen und Traumata, die meist klischeehaft die immergleichen Muster repetieren. Ist ein echter Dialog mit dem Fremden also überhaupt unmöglich?

Wie ich zeigen möchte, könnten wir uns hierfür auf den vorwissenschaftlichen Blick der Wunderkammer besinnen, der noch eine „Ästhetik des Diversen“ (Victor Segalen) zu praktizieren wusste. Das wertende Kategorisieren und Sortieren galt es zu unterlassen, man wollte gerade nicht nach „schön“ und „hässlich“ unterscheiden, sondern suchte nach Formen der Ambivalenz. Solche uneindeutigen Kippfiguren, die uns über das Dazwischen des „Schönhässlichen“ staunen lassen, hat auch die Mode immer wieder hervorgebracht: Die Überschreitung und Unterwanderung der kanonischen Schönheit bildet ihr zentrales Motiv, wie ich an zahlreichen Beispielen aus der Modepraxis zeigen möchte.

Annette Geiger ist Professorin für Theorie und Geschichte der Gestaltung an der Hochschule für Künste Bremen. Sie studierte Kunst-, Kultur- und Kommunikationswissenschaften in Berlin, Grenoble und Paris. Ihre Promotion „Urbild und fotografischer Blick“ zur Bildtheorie im 18. Jahrhundert schloss sie am kunsthistorischen Institut der Universität Stuttgart ab. Sie lehrte Design- und Kulturgeschichte am Institut supérieur des arts appliqués in Paris, an der Universität der Künste Berlin und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee sowie sie die Stiftungsprofessur für Mode und Ästhetik an der TU Darmstadt inne hatte.

Jüngste Veröffentlichungen zum Thema: „Kunst und Design. Eine Affäre“ (2012, Hg. mit M. Glasmeier), „Coolness. Zur Ästhetik einer kulturellen Strategie und Attitüde“
(2010, Hg. mit Ä. Söll, G. Schröder), „Der schöne Körper. Mode und Kosmetik in Kunst und Gesellschaft.“
(Hg., 2008) sowie sie die Modemagazine der HfK Bremen mitherausgab: „Der schöne Mann“ (2012), „Untragbar“ (2013).

Das gesamte Programm des Symposiums finden Sie hier.